„Ein Gespenst geht um“ – Der marxistische Philosoph aus Wuppertal: Friedrich Engels

Karl Marx (l) und Friedrich Engels (r) – Foto: Pixabay

„Ein Gespenst geht um – das Gespenst des Kommunismus“. Diese einleitenden Zeilen des Kommunistischen Manifests von 1848 heben die revolutionären Ereignisse zu Lebzeiten der Verfasser Karl Marx und Friedrich Engels hervor. Sie haben das Denken der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, der theoretischen Ideen, die heute als Marxismus bekannt sind, beeinflusst. Das Manifest endet mit dem auf der ganzen Welt bekannten kämpferischen Aufruf „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

Im Zuge der Finanzkrise 2008/09, der Krise des Kapitalismus, kam es zu einer deutlichen Rückbesinnung auf die Theorien von Marx und Engels.

Der Textil-Fabrikantensohn und republikanische Revolutionär, Friedrich Engels; wurde vor 200 Jahren am 28. November 1820 im Tal der Wupper in Barmen geboren.(1) Rund um den heutigen Engelsgarten, in einer hufeisenförmigen Anordnung, lagen 1820 die Manufaktur Caspar Engels – Söhne und die dazugehörigen Werkstätten, Arbeiterhäuser sowie die drei repräsentativen Wohnhäuser der Manufakturinhaber. Die Manufaktur 1747 begründet, vertrieb zunächst gebleichte Garne, nahm dann die maschinelle Fertigung von Spitze auf und wuchs bald zu einer der größten Unternehmungen im Wuppertal heran.

Zur Zeit von Friedrich Engels Geburt, ging in Wuppertal, das als das gewerbereichste Tal in Deutschland galt und zu den ökonomischen Zentren des Rheinlandes zählte, eine 40jährige Manufakturperiode zu Ende. Aufbauend auf einer langen gewerblichen Tradition und der Herausbildung zahlreicher Textilmanufakturen, entstand hier schon früh die industrielle Produktionsweise. In den beiden Schwesterstädten Elberfeld und Barmen lebten 1816 etwa 40.000 Einwohner*innen. Damit lag das Wuppertal nach Köln (50.000) und vor Aachen (32.000), Düsseldorf (23.000) und Krefeld (14.300) an zweiter Stelle im Rheinland und an vierter Stelle in Preußen. 1821 wurde hier die erste Dampfmaschine aufgestellt. (2)

In den ersten drei Lebensjahrzehnten von Friedrich Engels vollzog sich im Tal der Wupper ein rasanter und grundlegender Wandel. Zunächst setzte die Mechanisierung der Baumwoll- und Seidengarnspinnerei ein, dann folgte die Mechanisierung der Webereien. Neben dem Leitsektor, der Textilindustrie, entstanden neue industrielle Sektoren, erste Maschinen- und chemische Fabriken.

Friedrich, das älteste von neun Kindern, wuchs in engem Kontakt mit Arbeiterkindern auf, die gleich neben seinem Elternhaus ihre Schule hatten. Prägend für den Lebensweg des jungen Friedrich war der Konflikt mit dem gleichnamigen Vater, der mit einem englischen Partner in Manchester und Engelskirchen die Textilfabrik „Ermen & Engels“ gegründet hatte. Friedrich besuchte das Gymnasium und begeisterte sich für Literatur. Ein Jahr vor dem Abitur hat der Vater ihn von der Schule genommen, um ihn von der Universität fern und im Geschäft zu halten. Er absolvierte eine Kaufmannslehre in Bremen und den Militärdienst in Berlin. Abseits vom Elternhaus verschlang er die ihm vorenthaltene Literatur von Goethe bis Heine, las demokratische Journale, besuchte Philosophie-Vorlesungen und frühsozialistische Kreise. In Bremen reifte Friedrich zu einem beutenden Publizisten heran.

Engels lehnte den Pietismus seiner Familie ab, die im wirtschaftlichen Erfolg göttliches Wohlgefallen sieht. Die pietistischen Fabrikanten gingen mit ihren Arbeitern am schlechtesten um, weil sie „ihnen den Lohn auf alle mögliche Weise verringern, unter dem Vorwande, ihnen Gelegenheit zum Trinken zu nehmen“. Er rebellierte gegen den religiösen wie den kapitalistischen Geist seiner Heimatregion. In seinen „Briefen aus dem Wupperthal“, die zu den frühestens Beschreibungen eines deutschen Industriegebiets gehören, kritisierte er bereits 1839 das „schreckliche Elend unter (…) den Fabrikarbeitern“: Weber sitzen „vom Morgen bis in die Nacht gebückt“ an ihren Stühlen und lassen „sich vom heißen Ofen das Rückenmark ausdörren“. Und Kinder würden dem Unterricht entzogen, weil ihre Arbeit nur die Hälfte des Erwachsenenlohns koste. Es sind diese desolaten Verhältnisse im „Manchester an der Wupper“, die den Unternehmersohn Engels prägten und zum Kommunisten machen.

Seine Ausbildung setzt Friedrich Engels 1842 in der Textilfabrik seiner Familie „Ermen & Engels“ in der mittelenglischen Metropole Manchester fort. Auch dort erlebt er die miserablen und ausbeuterischen Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft. Seine Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ basiert auf seinen Beobachtungen des Arbeiterlebens in der geschäftigen Industriemetropole. Die von Engels recherchierten Fakten waren prägend für die Gestaltung von Karl Marx‘ eigenen Vorstellungen über die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse.

Die Begründer des Marxismus waren jedoch nicht nur bloße Beobachter solcher Ereignisse. Vielmehr widmeten sie ihr Leben dem Aufbau einer revolutionären Organisation, die in der Lage war, die Arbeiterklasse zum Sieg zu führen. In der belgischen Hauptstadt Brüssel vollzog Engels gemeinsam mit Marx den Schritt in die aktive Politik. 1847 wurden sie Mitgründer des „Bundes der Kommunisten“, bevor sie im Revolutionsjahr 1848 das „Kommunistische Manifest“ veröffentlichten. Im gleichen Jahr hoben sie mit Unterstützung von rheinischen Demokraten in Köln die „Neue Rheinische Zeitung“ aus der Taufe.

Ein Jahr später tauschte Engels den Schreibtisch in der Zeitungsredaktion gegen den Kampfplatz auf den Barrikaden von Elberfeld. Er betrachtete es als Ehrensache, bei der „ersten bewaffneten Erhebung des bergischen Volkes“ dabei zu sein. Danach schloss er sich dem badisch-pfälzischen Aufstand an. Nach der Niederschlagung des Aufstands ist er über die Schweiz nach England geflohen, wo er wieder für die väterliche Fabrik und als Börsenmakler arbeitete. 1862 war er mit Marx tatkräftig an der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) beteiligt, die im Nachhinein als Erste Internationale bezeichnet wurde.

1869, neun Jahre nach dem Tod des Vaters, zog Engels seine Anteile aus der Firma. „Ich bin ein freier Mann“, jubelte er und übersiedelte nach London. Fortan lebte er bis zu seinem Tod mit 75 Jahren von den Zinsen seines Vermögens und sorgte für den Unterhalt von Karl Marx. Nun konnte er sich ganz als Autor und als „Spindoktor der europäischen Sozialdemokratie“ betätigen. Marx und Engels machten es sich zum Ziel, ideologische Klarheit in die internationale Arbeiterbewegung zu bringen und die Bewegung auf ein festes theoretisches Fundament zu stellen. Sie widmeten einen Großteil ihrer Zeit und Energie, um wichtige Werke der marxistischen Theorie zu erarbeiten

Die enge Zusammenarbeit zwischen Marx und Engels dauerte etwa 40 Jahre. Ihre Verbindung beruhte vor allem auf dem gemeinsamen Verständnis der Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Herangehensweise an die Fragen von Geschichte, Gesellschaft und Wirtschaft. Sowohl im Leben als auch im Tod stand Engels jedoch immer im Schatten des unbestreitbaren Genies Marx. Engels sah sich gegenüber seinem Mitstreiter nur als „zweite Violine“. „Was Marx geleistet, hätte ich nicht fertiggebracht. Marx stand höher, sah weiter, überblickte mehr und rascher als wir andern alle. Marx war ein Genie, wir andern höchstens Talente. Ohne ihn wäre die Theorie heute bei weitem nicht das, was sie ist. Sie trägt daher auch mit Recht seinen Namen.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, S.291)

In Wahrheit war Engels selbst ein theoretischer Riese. Tatsächlich spielten er und Marx im Duett; und mal war es Engels, mal Marx, der Ton und Rhythmus vorgab. Trotz seiner Bescheidenheit ist es unbestreitbar, dass er einen umfassenden und herausragenden Beitrag zur marxistischen Theorie geleistet hat. 23 Jahre alt wurde er zum ersten Repräsentanten der deutschen philosophischen Linken, der die Diskussion auf das Feld der politischen Ökonomie brachte, In seinem Aufsatz „Umrisse zu einer Kritik der Nationaloekonomie“ kritisierte er bereits 1844 die „zerstörerische Logik“ des Privateigentums. Die schrankenlose Konkurrenz habe alle menschlichen Bande aufgelöst und die Menschen zu isolierten und egoistischen Individuen gemacht.

Nach dem Tod seines engen Freundes Karl im Jahre 1883 setzte er dessen politische Arbeit fort – sowohl theoretisch als auch organisatorisch. Wichtig war, dass er die umfangreiche Sammlung von Notizen zur Ökonomie redigierte und zusammenstellte, die Marx hinterlassen hatte und die Bände zwei und drei von „Das Kapital“ bildeten. Die Londoner Jahre waren die literarisch produktivste Zeit in Engels‘ Leben. Der marxistische Philosoph und berühmte Sohn von Wuppertal verstarb vor 125 Jahren am 5. August 1895 in

London.

Artikel von Otto König, ehemaliger 1. Bevollmächtigter der IG Metall (Hattingen) 

Anmerkungen 

(1) Die Friedrich Engels-Ausstellung „Ein Gespenst geht um in Europa“ kann noch bis zum 20.September 2020 in der Kunsthalle in Wuppertal-Barmen besucht werden

(2) Siehe auch: Reiner Rhefus: Auf den Spuren des Denkers, Machers und Revolutionärs im »deutschen Manchester«, Friedrich Engels im Wuppertal, VSA Verlag August 2020

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