Arbeiten am Limit

DGB-Index: Gute Arbeit 2019
Es stellt einen erheblichen Fortschritt dar, dass Kämpfe um Zeit wieder auf der gewerkschaftspolitischen Tagesordnung stehen. Mehr als zwei Jahrzehnte hatten Unternehmen und Arbeitgeberverbände die Entwicklung bestimmt. Äußerst erfolgreich.

 

Selbst dort, wo tarifvertraglich die 35-Stunden-Arbeitswoche gilt, wurde de facto die 40-Stunden-Woche zum Realstandard von Vollzeitbeschäftigung. Und die damit geleisteten Überstunden werden nur zur Hälfte bezahlt.

Mit Arbeitszeitverkürzung auf bis zu 28 Wochenstunden holen sich Teile der Belegschaften Zeitsouveränität zurück: als Ausgleich für hohe Arbeitsbelastungen, für Erziehungs- und Pflegearbeit oder zur Realisierung selbstbestimmter Lebensinteressen. Zeit ist aber nicht nur eine extensive, sondern auch eine intensive Größe. Auskunft darüber geben die Beschäftigtenbefragungen zum DGB-Index Gute Arbeit 2019. (1) Drei Indikatoren steigender Arbeitsintensität seien hervorgehoben:

Unter Zeitdruck arbeitet mehr als die Hälfte der Beschäftigten, 30% »oft« und weitere 23% »sehr häufig«. Knapp zwei Drittel davon sehen darin eine (starke) Belastung. Dies wurde in den vergangenen Jahren im Zuge stark gestiegener psychischer Belastungen und daraus resultierenden Erkrankungen auch verstärkt diskutiert und politisch mit der Forderung nach einer Anti-Stress-Verordnung unterlegt. Doch Problemdruck und wachsende öffentliche Sensibilität haben die Verhältnisse in den Betrieben nicht zum Besseren verändert. Umgekehrt: Ein Drittel der Beschäftigten berichtet, dass ihre Arbeit in den vergangenen zwölf Monaten in hohem und sehr hohem Maß weiter verdichtet wurde (weitere 24% sprechen von einer eher geringen Zunahme).

Selbst bei wachsendem Leistungsdruck und zunehmender Arbeitsverdichtung gelingt es nicht mehr, die geforderte Arbeitsmenge zu schaffen. Quantitative Überforderung prägt den Arbeitsalltag für mehr als vier Fünftel der Beschäftigten: für 16% »oft« und weitere 10% »sehr häufig«. »Der Anteil wächst mit steigenden Qualifikationsanforderungen. Am häufigsten berichten Beschäftigte, die hochkomplexe Tätigkeiten ausführen, von einer entsprechenden Überlastungssituation: Jede/r dritte Befragte (34%) aus diesem Segment kann sehr häufig/oft die Arbeitsmenge nicht in der zu Verfügung stehenden Arbeitszeit bewältigen.« Die höchsten Werte weisen die IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufe auf. Im Zuge der Digitalisierung von Produktion und Dienstleistungen dürfte die Arbeitsintensität gerade in diesen Berufsfeldern weiter ansteigen.

In diesem Regime erreichen Beschäftigte ihre Leistungsgrenzen oder gehen noch darüber hinaus. Das gilt für weit über die Hälfte (57%) derjenigen, die die von ihnen geforderte Arbeit oft/häufig nicht schaffen. Hier schlägt Arbeitsverdichtung häufig in Arbeitszeitverlängerung um: sei es in Form von Überstunden, Verkürzung oder Wegfall von Pausen, Weiterarbeit in der Zeit, die eigentlich »Freizeit«, Erziehungszeit etc. sein sollte. Oder darin, dass man meint, arbeiten zu müssen, obgleich man krank ist.

»Die Daten des DGB-Index Gute Arbeit 2019 zeigen, dass eine quantitative Überforderung bei der Arbeit häufiger mit Präsentismus einhergeht. In der Gruppe derjenigen, die ihre Arbeitsmenge (sehr) häufig nicht schaffen können, gehen drei Viertel aller Befragten (!) an, auch krank zur Arbeit gegangen zu sein.« Die Wiederaufnahme der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung speist sich nicht nur aus gestiegenen »lebensweltlichen« Anforderungen und Ansprüchen, sondern maßgeblich auch aus einem entgrenzten, kaum noch zu bewältigenden Leistungsregime.

Arbeitsintensität ist nun nicht nur von einem dieser Faktoren geprägt, sondern oft von deren Gleichzeitigkeit und wechselseitigen Verstärkung. Die Intensivierung der Arbeit hat eine sich steigernde Dimension, die weitere Belastungen hervorruft, die teilweise jenseits des Leistungsregimes verbucht werden, aber in ihm ihre Quelle haben. Dazu gehört, die Arbeit nicht entsprechend den vorgegebenen und zumeist auch eigenen Qualitätsansprüchen durchführen zu können. Das ist von Beschäftigten in Erziehungs- und Pflegeberufen in mehreren Arbeitskämpfen thematisiert und skandalisiert worden. Doch es betrifft die Beschäftigten in ihrer überwiegenden Mehrheit.

Wer nicht nur auf den Überweisungsbetrag auf dem Lohnkonto orientiert ist, sondern arbeitsinhaltliche Ansprüche hat, dem ist das Arbeitsergebnis nicht egal. Der möchte auch bei belastenden Arbeitsbedingungen gute Arbeit abliefern. Steigende Arbeitsbelastungen – zumal im Überlastbereich – stehen dem entgegen. »Aus den Daten wird deutlich, dass quantitative Überforderung der Beschäftigten mit vermehrten Qualitätsabstrichen einhergeht. Ein Viertel der Beschäftigten gibt an, sehr häufig/oft an der Qualität zu sparen, um mit der Arbeitsmenge klarzukommen.« Für mehr als zwei Drittel der Beschäftigten (70%), die (sehr) häufig unter Zeitdruck arbeiten, entstehen wiederum neue Belastungen, sei es gegenüber Vorgesetzten, Kunden, Kolleg*innen oder den eigenen Ansprüchen. Und das wiederum hat Folgen: »Während insgesamt ein Drittel aller Beschäftigten angibt, nach der Arbeit sehr häufig/oft nicht abschalten zu können, steigt dieser Anteil bei den Überlasteten auf mehr als die Hälfte.«

Die kurz- und langfristigen gesundheitlichen Folgen sind bekannt und werden auch im aktuellen Index gut dokumentiert. Nur die Hälfte der Beschäftigten geht davon aus, ohne Einschränkungen bis zum regulären Renteneintrittsalter in ihren Job durchhalten zu können. Wenn gleichwohl der Anteil der Beschäftigten über 55/60 Jahren wieder angestiegen ist, ist dies nur z.T. der Arbeitsmotivation, in künftig noch wachsendem Maße drohender Altersarmut trotz jahrzehntelanger Erwerbsarbeit zuzuschreiben.

Was tun? Diese Frage bleibt für das Gros der Beschäftigten ihr Erwerbsleben lang unbeantwortet. Kontrolle über die Leistungsbedingungen haben sie überwiegend nicht. So geben »zwei Drittel aller Beschäftigten an, dass sie keinen oder nur einen geringen Einfluss auf die Arbeitsmenge haben«. Das gilt auch für jene, die (hoch-)komplexe Tätigkeiten ausüben – 56 bis 62% von ihnen geben an, die quantitativen Leistungsanforderungen nicht oder nur wenig beeinflussen zu können. Selbststeuerung findet hier unter fremdbestimmten Rahmenbedingungen von Markt- und Unternehmenssteuerung statt – nach dem Motto: »erreicht die Zielvorgaben, wie ihr es für richtig haltet und seid dabei rentabel.«

Während Leistungssteuerung bei einfachen Tätigkeiten mehrheitlich direkt durch Vorgesetzte erfolgt, nimmt die Bedeutung von langfristigen Zielvorgaben mit Qualifikation und Komplexitätsanforderungen zu (auf bis zu 80% bei hochkomplexen Arbeitsvorgängen). »Die Anforderungen durch Kunden und Klienten spielen dagegen vor allem für die Arbeitsmenge in personenbezogenen Dienstleistungsberufen, etwa im Gesundheits- und Sozialbereich, aber auch im Gastgewerbe, eine wichtige Rolle. Technische Vorgaben durch Software und Maschinen treten häufiger im produzierenden Gewerbe als im Dienstleistungssektor (30 vs. 20 Prozent) aus.«

Fazit: Im zu Ende gehenden Jahrzehnt haben sich die arbeitsweltlichen Lebensverhältnisse allenfalls leicht verbessert. Das gilt insbesondere für die Einkommensverhältnisse und die Beschäftigungssicherheit – vor allem für Männer, während die entsprechenden Werte bei den Frauen deutlich niedriger im Bereich von »schlechter Arbeit« liegen. Bei der Entwicklung der Arbeitsintensität bleiben die Belastungen hoch und damit deutlich von dem entfernt, was man als Gute Arbeit bezeichnen könnte.

Von einem außergewöhnlich langen Konjunkturaufschwung, der zu einer Stabilisierung oder Ausweitung der strukturellen Machtressourcen der Gewerkschaften wie auch der betrieblichen Interessenvertretungsarbeit beigetragen hat, konnten die arbeitspolitischen Rahmenbedingungen keine Verbesserung verzeichnen. Ein Transfer von verbesserter Verteilungs- und Arbeitsmarktmacht zu den Arbeitsbedingungen hat nicht stattgefunden.

Dies zu verändern bedeutet, die demokratische Frage im Betrieb neu zu stellen. »Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten sind… nicht nur eine Voraussetzung für selbstbestimmtes Arbeiten. Sie stellen auch eine wichtige Ressource beim Umgang mit arbeitsbedingten Anforderungen dar. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten zeigen, dass eine hohe Kontrolle über die eigenen Arbeitsbedingungen einen gesundheitsförderlichen Effekt hat.«  Die Anforderungen steigen zudem in einer Zeit, die durch tiefgreifende arbeitspolitische Veränderungen infolge der Digitalisierung von Produktion und Dienstleistungen in den kommenden Jahren geprägt sein wird. Der Weg zu Guter Arbeit führt über demokratische Arbeit.

Artikel von Otto König, ehemaliger 1. Bevollmächtigter der IG Metall (Hattingen) und Richard Detje, Redakteur der Zeitschrift Sozialismus (Hamburg)

Anmerkung
(1) Siehe https://index-gute-arbeit.dgb.de/, Themenschwerpunkt Arbeitsintensität. Die Befragungen wurden im Zeitraum Januar bis April 2019 durchgeführt. Befragt wurden zufällig ausgewählte 6.574 Arbeitnehmer*innen in ganz Deutschland. Die Befragung ist nicht im strikten Sinne repräsentativ, aufgrund der hohen Fallzahl aber höchst aussagekräftig.

Foto: Mehr Zeit zum leben – IG Metall

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